Eine Charakterisierung beschreibt eine literarische Figur so genau, dass der Leser ein klares Bild von ihr bekommt – nicht nur vom Aussehen, sondern vor allem vom Wesen. Sie ist eine häufige Aufgabe bei Romanen, Dramen und Kurzgeschichten und verlangt, Informationen aus dem Text zu sammeln, zu ordnen und zu deuten.
Autoren charakterisieren Figuren auf zwei Arten. Direkt: Der Erzähler oder eine andere Figur beschreibt sie ausdrücklich („Er war ein misstrauischer Mensch“). Indirekt: Die Eigenschaften zeigen sich im Verhalten, in der Sprache oder in Entscheidungen („Er verschloss jede Tür zweimal“). Die indirekte Charakterisierung zu erkennen und zu deuten, ist die eigentliche Leistung einer guten Charakterisierung.
Einleitung: Titel, Autor, Textsorte, Erscheinungsjahr und eine kurze Einordnung der Figur (Name, Rolle in der Handlung). Eventuell ein erster Gesamteindruck.
Hauptteil: Hier wird die Figur in mehreren Bereichen beschrieben:
Schluss: Zusammenfassende Bewertung der Figur, ihre Bedeutung für die Handlung, eventuell eine persönliche Einschätzung.
Jede Aussage über die Figur muss am Text belegt werden – mit Zitat oder Verweis und Zeilenangabe. „Sie ist hilfsbereit“ ist eine Behauptung; „Sie ist hilfsbereit, was sich zeigt, als sie ihrer Nachbarin ohne zu zögern die Einkäufe trägt (Z. 34 f.)“ ist eine belegte Charakterisierung.
Statt „nett“ oder „komisch“ braucht es präzise Adjektive: zuvorkommend, einfühlsam, verschlossen, ehrgeizig, gutgläubig, rechthaberisch, selbstkritisch, opportunistisch. Ein Wortspeicher mit Eigenschaftswörtern hilft beim Schreiben.
Die Charakterisierung steht im Präsens. Handlungen, die vor dem beschriebenen Zeitpunkt liegen, stehen im Perfekt.
„Herr K. wirkt nach außen selbstbewusst und bestimmt. So erteilt er seinen Mitarbeitern knappe Anweisungen, ohne Widerspruch zuzulassen (Z. 12–15). Seine wiederholten Blicke auf die Uhr (Z. 18, 27) und die Tatsache, dass er seine Entscheidungen nachträglich rechtfertigt (Z. 40), deuten jedoch auf eine innere Unsicherheit hin, die er hinter seiner Strenge verbirgt.“
Im Drama gibt es keinen Erzähler. Figuren charakterisieren sich durch ihre Reden, ihre Handlungen und durch das, was andere über sie sagen. Auch Regieanweisungen können Hinweise geben. Die Analyse der Sprache wird hier besonders wichtig.
Vor dem Schreiben lohnt es sich, eine Tabelle anzulegen: links die Eigenschaft, rechts die Textstelle. So entsteht eine Stoffsammlung, aus der sich der Aufsatz leicht aufbauen lässt – und keine Aussage bleibt unbelegt.
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